Frühstück im Hotel
Es war eindeutig der Frühstücksraum, der für mich den besonderen Reiz, das Angenehme des kleinen Hotels ausmachte. Die Zimmer beengten eher, wenn sie auch in ihrer schlichten Einrichtung durchaus erträglich schienen und jedenfalls für meine immer recht kurzen beruflichen Aufenthalte ihren Zweck erfüllten. Aber der Frühstücksraum! Er verband in seinem großzügigen Schnitt die wohnlichen Vorzüge der alten Villa wunderbar mit einem geradlinigen Geschmack, der auf unaufdringliche warme Farben und das durch die großen Fenstertüren reichlich einfallende Licht setzte. Das einfache und eher funktionale Mobiliar hatte nichts von dem verstaubten Plüsch an sich, den man intuitiv hinter solch alten Mauern vermuten würde – es ließ dem Zauber des Hauses seinen unbestritten großen Auftritt. Und man hatte außerdem, als Wohlfühldraufgabe sozusagen, einen bezaubernden Blick auf den nahen See. Vor meinen Terminen am späten Vormittag verbrachte ich also jeweils mindestens eine Stunde beim Frühstück, blätterte in einer Zeitung oder einem Buch und schwatzte auch ab und an mit J., der sich als Inhaber des Hotels gern persönlich seinen wenigen, meist geschäftsreisenden, Gästen widmete. Die persönliche, geradezu intime Atmosphäre brachte es mit sich, dass man auch den einen oder anderen wiederkehrenden Gast schon kannte und sich so in vertrautem Erkennen freundlich zunickte.
An diesem Morgen hatte ich die Stille des Raumes ganz für mich allein. Ich sah auf den See, der sich gerade erst von den diesigen Nebeln eines Herbstmorgens befreit hatte, und widmete mich völlig ungestört meinen Gedanken. Dann allerdings erschienen doch noch zwei Frühstücksnachzügler, die an einem der etwas entfernteren Tische Platz nahmen. Ihn hatte ich schon mehrfach gesehen, er hatte mich sogar einmal auf Empfehlung von J. freundlich und charmant beim Einstellen des Drahtlosanschlusses an meinem Notebook beraten. Sonst war er immer allein, in akkurater Geschäftskleidung, was mich vermuten ließ, dass er als Firmenberater oder Ähnliches zu tun hatte. Diesmal jedoch kam er in Begleitung einer Frau. Eine stattliche, herbe Schönheit mit langen, rötlich getönten Haaren, etwas mehr als dezent geschminkt und womöglich, ich schätzte ihn auf Ende Dreißig, ein paar Jahre älter als er. Sie redete in einem etwas streng klingenden Ton auf ihn ein, während er eher still blieb, ab und an zustimmend nickte, sich ihr aber scheinbar ganz untergab. Schließlich stand er auf, wählte vom Buffet verschiedene Köstlichkeiten und brachte sie zu ihr an den Tisch. Sie war nicht ganz zufrieden, und er ging noch einmal zurück, bis auch er sich dann zu ihr setzen konnte. Vom Gespräch selbst verstand ich nur Wortfetzen, aber es war klar, dass sie den Dialog dominierte, auf eine intelligente und nicht unfreundliche, aber doch irgendwie anstrengende Art. Es interessierte mich, ich hätte gern noch länger zugeschaut, aber es war inzwischen schon einigermaßen spät, und ich musste gehen.
Etwa vier Wochen später, bei einem erneuten kurzen Aufenthalt in diesem kleinen Hotel, bereitete ich mich schon auf meine Abreise vor, nahm mir aber, wie immer, noch einmal Zeit für eine Stunde Ruhe im Frühstücksraum. Und wiederum erschien der gleiche Mann – dieses Mal in Begleitung einer blonden, zarten Frau, die ihn aus großen blauen Augen ganz offensichtlich anhimmelte. Sie schien mir sehr jung, sehr mädchenhaft und trotzdem sehr weiblich mit ihrem schlanken Körper und dem sehr feinen Gesicht. So ein Elfenwesen, das unweigerlich männliche Beschützerinstinkte weckt und beliebig mit männlichem Begehren spielen kann. Sie lächelte ihn auf eine bezaubernde Art fortwährend an, streichelte sanft seine Schulter, während sie sich erhob, um diverse Dinge vom Buffet zu holen. Und er schien ihre Aufmerksamkeit und ihre offenkundige Verliebtheit sehr zu genießen. Ein glückliches Paar.
An der Rezeption dann, ich bat um meine Rechnung, meinte ich eher beiläufig zu J., ich hätte Herrn S. erst kürzlich mit seiner Frau gesehen, es wäre aber auch schön zu beobachten, wie glücklich er gerade mit seiner Geliebten sei. J. schaute erst angestrengt nach unten, blätterte etwas in seinen Papieren, während sich in seinem Gesicht ganz offenkundig das Bemühen um Diskretion mit dem Wunsch nach Mitteilung stritt. Dann antwortete er aber doch: „Nein, sehen Sie, genau das habe ich auch erst gedacht. Aber - es ist genau andersrum. Diese Dame heute ist seine Frau, die andere ist die Geliebte!“
Ich zahlte meine Rechnung und beschloss, noch einen Spaziergang um den See zu machen.
An diesem Morgen hatte ich die Stille des Raumes ganz für mich allein. Ich sah auf den See, der sich gerade erst von den diesigen Nebeln eines Herbstmorgens befreit hatte, und widmete mich völlig ungestört meinen Gedanken. Dann allerdings erschienen doch noch zwei Frühstücksnachzügler, die an einem der etwas entfernteren Tische Platz nahmen. Ihn hatte ich schon mehrfach gesehen, er hatte mich sogar einmal auf Empfehlung von J. freundlich und charmant beim Einstellen des Drahtlosanschlusses an meinem Notebook beraten. Sonst war er immer allein, in akkurater Geschäftskleidung, was mich vermuten ließ, dass er als Firmenberater oder Ähnliches zu tun hatte. Diesmal jedoch kam er in Begleitung einer Frau. Eine stattliche, herbe Schönheit mit langen, rötlich getönten Haaren, etwas mehr als dezent geschminkt und womöglich, ich schätzte ihn auf Ende Dreißig, ein paar Jahre älter als er. Sie redete in einem etwas streng klingenden Ton auf ihn ein, während er eher still blieb, ab und an zustimmend nickte, sich ihr aber scheinbar ganz untergab. Schließlich stand er auf, wählte vom Buffet verschiedene Köstlichkeiten und brachte sie zu ihr an den Tisch. Sie war nicht ganz zufrieden, und er ging noch einmal zurück, bis auch er sich dann zu ihr setzen konnte. Vom Gespräch selbst verstand ich nur Wortfetzen, aber es war klar, dass sie den Dialog dominierte, auf eine intelligente und nicht unfreundliche, aber doch irgendwie anstrengende Art. Es interessierte mich, ich hätte gern noch länger zugeschaut, aber es war inzwischen schon einigermaßen spät, und ich musste gehen.
Etwa vier Wochen später, bei einem erneuten kurzen Aufenthalt in diesem kleinen Hotel, bereitete ich mich schon auf meine Abreise vor, nahm mir aber, wie immer, noch einmal Zeit für eine Stunde Ruhe im Frühstücksraum. Und wiederum erschien der gleiche Mann – dieses Mal in Begleitung einer blonden, zarten Frau, die ihn aus großen blauen Augen ganz offensichtlich anhimmelte. Sie schien mir sehr jung, sehr mädchenhaft und trotzdem sehr weiblich mit ihrem schlanken Körper und dem sehr feinen Gesicht. So ein Elfenwesen, das unweigerlich männliche Beschützerinstinkte weckt und beliebig mit männlichem Begehren spielen kann. Sie lächelte ihn auf eine bezaubernde Art fortwährend an, streichelte sanft seine Schulter, während sie sich erhob, um diverse Dinge vom Buffet zu holen. Und er schien ihre Aufmerksamkeit und ihre offenkundige Verliebtheit sehr zu genießen. Ein glückliches Paar.
An der Rezeption dann, ich bat um meine Rechnung, meinte ich eher beiläufig zu J., ich hätte Herrn S. erst kürzlich mit seiner Frau gesehen, es wäre aber auch schön zu beobachten, wie glücklich er gerade mit seiner Geliebten sei. J. schaute erst angestrengt nach unten, blätterte etwas in seinen Papieren, während sich in seinem Gesicht ganz offenkundig das Bemühen um Diskretion mit dem Wunsch nach Mitteilung stritt. Dann antwortete er aber doch: „Nein, sehen Sie, genau das habe ich auch erst gedacht. Aber - es ist genau andersrum. Diese Dame heute ist seine Frau, die andere ist die Geliebte!“
Ich zahlte meine Rechnung und beschloss, noch einen Spaziergang um den See zu machen.
punctum - 9. Aug, 22:16
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steppenhund - 10. Aug, 08:34
In einer Phase des Lebens hätte ich der Mann sein können, da war das Rollenspiel ganz ähnlich. Ich war damals aber bereits 38.
Allerdings war ich bis auf eine Ausnahme nie mit zwei verschiedenen Frauen im gleichen Hotel.
In einer Pension, in der ich im Urlaub absteige, kommt das allerdings vor. Manchmal bin ich mit meiner Frau dort, manchmal mit einer sehr, sehr guten Freundin - nicht nur von mir sondern von der ganzen Familie. Manchmal frage ich mich, was die Wirtsleute denken, aber dann sage ich mir, das sind Profis, die sind das gewöhnt:)
Der Grund, warum ich nicht immer mit meiner Frau dort bin, liegt einfach darin, dass wir wegen des Hundes nicht gemeinsam wegfahren wollen, zumindest noch die nächsten 2 bis 3 Jahre.
Allerdings war ich bis auf eine Ausnahme nie mit zwei verschiedenen Frauen im gleichen Hotel.
In einer Pension, in der ich im Urlaub absteige, kommt das allerdings vor. Manchmal bin ich mit meiner Frau dort, manchmal mit einer sehr, sehr guten Freundin - nicht nur von mir sondern von der ganzen Familie. Manchmal frage ich mich, was die Wirtsleute denken, aber dann sage ich mir, das sind Profis, die sind das gewöhnt:)
Der Grund, warum ich nicht immer mit meiner Frau dort bin, liegt einfach darin, dass wir wegen des Hundes nicht gemeinsam wegfahren wollen, zumindest noch die nächsten 2 bis 3 Jahre.
punctum (Gast) - 10. Aug, 11:31
Schwierig könnte es werden, wenn beide Frauen gleichzeitig beim Frühstück erscheinen (interessant für den Zusehenden) :-)
Die Wirtsleute denken sicher alles Mögliche - andererseits wird ihnen mit einiger Erfahrung im Laufe der Zeit wohl nichts Menschliches mehr fremd sein...
Die Wirtsleute denken sicher alles Mögliche - andererseits wird ihnen mit einiger Erfahrung im Laufe der Zeit wohl nichts Menschliches mehr fremd sein...
steppenhund - 10. Aug, 13:16
Das könnte es durchaus auch einmal geben. Dann müssten wir aber zwei Zimmer buchen. Ich lasse die zwei Frauen ins Doppelzimmer und ich kann in Ruhe die ganze Nacht arbeiten:)
punctum (Gast) - 10. Aug, 13:37
Fällt mir gleich wieder Gripsholm ein... :-)
Nein, nein, klingt sehr seriös, wenn auch nicht sehr spannend :-)
Nein, nein, klingt sehr seriös, wenn auch nicht sehr spannend :-)
steppenhund - 11. Aug, 12:30
Gripsholm habe ich mit meiner Frau sehr begeistert zusammen gelesen - vor 36 Jahren. Damals war ja die wilde Zeit der sexuellen Revolution und wir haben uns gefreut, dass das bereits früher sanktioniert wurde:)
punctum - 11. Aug, 22:02
Ich glaube, Du hast eine sehr tolle Frau, aber das weißt Du ja offensichtlich selbst :-) (und es gefällt mir überhaupt, wie Du über Deine Familie sprichst - gerade am Wochenende wurde mir auf sehr unangenehme Art das blanke Gegenteil vorgeführt).
Iggy - 11. Aug, 11:51
wahrscheinlich brauchte
der ehemann ein wenig unterwerfung... ;))
schöne geschichte, schöner stil, erinnert mich an thomas mann ein wenig, kann aber auch einbildung sein.
und arbeite nicht so viel.
schöne geschichte, schöner stil, erinnert mich an thomas mann ein wenig, kann aber auch einbildung sein.
und arbeite nicht so viel.
punctum - 11. Aug, 21:59
Iggylein, Du bist ein lieber Schatz!
"Arbeite nicht so viel" ist eine hervorragende Idee - ich gucke schon ganz kariert in die Kiste... Wird aber wieder besser :-)
"Arbeite nicht so viel" ist eine hervorragende Idee - ich gucke schon ganz kariert in die Kiste... Wird aber wieder besser :-)












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