Die kleinen Augenblicke
Der Nebel hielt nun schon den dritten Tag an. Die weiß-graue Diesigkeit wurde von der Fensterscheibe abgewehrt und ließ dennoch das Unbehagen alles zersetzender Feuchtigkeit spüren. Es half nichts, ich musste nun trotz meines Wunsches nach Wärme und Eingehülltsein nach draußen und wenigstens ein paar Besorgungen erledigen. Die dichte Laubschicht auf dem Gehweg hatte sich von dem vor Tagen noch raschelnden Bunt in eine einheitlich moderige Masse verwandelt. Es machte nicht nur keinen Spaß mehr, durch diesen ehemals rot-gelb-braunen Herbst hindurchzustöbern, ich musste auch vorsichtig gehen, um nicht überraschend im glitschigen Schmutz zu fallen. Ab und an begegneten mir die verschwommenen Umrisse Vorübergehender. Kein klar konturiertes Gesicht, kein wahrnehmbares Lächeln - stumme Nebelgestalten, näher kommend und - noch bevor ein Erkennen möglich gewesen wäre - wieder verwischt und verschwindend im Grau. Für einen Augenblick ließ meine Aufmerksamkeit für die Moderschichten und ihre Gefahren nach, und ich versuchte, etwas im Nebel zu erkennen, jemanden zu entdecken, vielleicht etwas Besonderes wahrzunehmen, etwas, das einen lichten Moment verhieß. Und sofort rutschte ich aus, als wäre es strafwürdig, die Augen auch nur kurz von der Realität abzuwenden. Doch noch vor dem eigentlichen Erschrecken, der Angst und der Resignation angesichts des sich einstellenden Unvermeidlichen, spürte ich eine haltende Hand, eine warme Hautberührung. Ein Blick in fremd vertraute Augen, ein Lächeln, ein wiederkehrendes Gefühl erleichterter Beruhigung. Mit einem Dank ging ich weiter, wissend, dass der Nebel nicht von Dauer sein könne.
punctum - 10. Okt, 21:24
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