[>>]

9
Aug
2009

Ausgegraben...

... und für "immer schön" befunden:

Frühstück im Hotel

Es war eindeutig der Frühstücksraum, der für mich den besonderen Reiz, das Angenehme des kleinen Hotels ausmachte. Die Zimmer beengten eher, wenn sie auch in ihrer schlichten Einrichtung durchaus erträglich schienen und jedenfalls für meine immer recht kurzen beruflichen Aufenthalte ihren Zweck erfüllten. Aber der Frühstücksraum! Er verband in seinem großzügigen Schnitt die wohnlichen Vorzüge der alten Villa wunderbar mit einem geradlinigen Geschmack, der auf unaufdringliche warme Farben und das durch die großen Fenstertüren reichlich einfallende Licht setzte. Das einfache und eher funktionale Mobiliar hatte nichts von dem verstaubten Plüsch an sich, den man intuitiv hinter solch alten Mauern vermuten würde – es ließ dem Zauber des Hauses seinen unbestritten großen Auftritt. Und man hatte außerdem, als Wohlfühldraufgabe sozusagen, einen bezaubernden Blick auf den nahen See. Vor meinen Terminen am späten Vormittag verbrachte ich also jeweils mindestens eine Stunde beim Frühstück, blätterte in einer Zeitung oder einem Buch und schwatzte auch ab und an mit J., der sich als Inhaber des Hotels gern persönlich seinen wenigen, meist geschäftsreisenden, Gästen widmete. Die persönliche, geradezu intime Atmosphäre brachte es mit sich, dass man auch den einen oder anderen wiederkehrenden Gast schon kannte und sich so in vertrautem Erkennen freundlich zunickte.

An diesem Morgen hatte ich die Stille des Raumes ganz für mich allein. Ich sah auf den See, der sich gerade erst von den diesigen Nebeln eines Herbstmorgens befreit hatte, und widmete mich völlig ungestört meinen Gedanken. Dann allerdings erschienen doch noch zwei Frühstücksnachzügler, die an einem der etwas entfernteren Tische Platz nahmen. Ihn hatte ich schon mehrfach gesehen, er hatte mich sogar einmal auf Empfehlung von J. freundlich und charmant beim Einstellen des Drahtlosanschlusses an meinem Notebook beraten. Sonst war er immer allein, in akkurater Geschäftskleidung, was mich vermuten ließ, dass er als Firmenberater oder Ähnliches zu tun hatte. Diesmal jedoch kam er in Begleitung einer Frau. Eine stattliche, herbe Schönheit mit langen, rötlich getönten Haaren, etwas mehr als dezent geschminkt und womöglich, ich schätzte ihn auf Ende Dreißig, ein paar Jahre älter als er. Sie redete in einem etwas streng klingenden Ton auf ihn ein, während er eher still blieb, ab und an zustimmend nickte, sich ihr aber scheinbar ganz untergab. Schließlich stand er auf, wählte vom Buffet verschiedene Köstlichkeiten und brachte sie zu ihr an den Tisch. Sie war nicht ganz zufrieden, und er ging noch einmal zurück, bis auch er sich dann zu ihr setzen konnte. Vom Gespräch selbst verstand ich nur Wortfetzen, aber es war klar, dass sie den Dialog dominierte, auf eine intelligente und nicht unfreundliche, aber doch irgendwie anstrengende Art. Es interessierte mich, ich hätte gern noch länger zugeschaut, aber es war inzwischen schon einigermaßen spät, und ich musste gehen.

Etwa vier Wochen später, bei einem erneuten kurzen Aufenthalt in diesem kleinen Hotel, bereitete ich mich schon auf meine Abreise vor, nahm mir aber, wie immer, noch einmal Zeit für eine Stunde Ruhe im Frühstücksraum. Und wiederum erschien der gleiche Mann – dieses Mal in Begleitung einer blonden, zarten Frau, die ihn aus großen blauen Augen ganz offensichtlich anhimmelte. Sie schien mir sehr jung, sehr mädchenhaft und trotzdem sehr weiblich mit ihrem schlanken Körper und dem sehr feinen Gesicht. So ein Elfenwesen, das unweigerlich männliche Beschützerinstinkte weckt und beliebig mit männlichem Begehren spielen kann. Sie lächelte ihn auf eine bezaubernde Art fortwährend an, streichelte sanft seine Schulter, während sie sich erhob, um diverse Dinge vom Buffet zu holen. Und er schien ihre Aufmerksamkeit und ihre offenkundige Verliebtheit sehr zu genießen. Ein glückliches Paar.

An der Rezeption dann, ich bat um meine Rechnung, meinte ich eher beiläufig zu J., ich hätte Herrn S. erst kürzlich mit seiner Frau gesehen, es wäre aber auch schön zu beobachten, wie glücklich er gerade mit seiner Geliebten sei. J. schaute erst angestrengt nach unten, blätterte etwas in seinen Papieren, während sich in seinem Gesicht ganz offenkundig das Bemühen um Diskretion mit dem Wunsch nach Mitteilung stritt. Dann antwortete er aber doch: „Nein, sehen Sie, genau das habe ich auch erst gedacht. Aber - es ist genau andersrum. Diese Dame heute ist seine Frau, die andere ist die Geliebte!“

Ich zahlte meine Rechnung und beschloss, noch einen Spaziergang um den See zu machen.
logo

punkt komma strich

Befindlichkeit:

Du bist nicht angemeldet.

Wortmeldungen

Tja, das mit der Definition...
Tja, das mit der Definition ist natürlich so eine...
punctum - 26. Nov, 23:15
ach ja,
was ist kunst? eine perfekte formulierung, ein genialer...
Iggy - 26. Nov, 17:13
einige tausend Jahre!...
einige tausend Jahre! (Ich bin nicht sicher, ob ich...
punctum - 26. Nov, 11:31
Sie meinen Trüffel-Schein!...
Sie meinen Trüffel-Schein! (Aber bitte hüten...
punctum - 26. Nov, 11:29
Ich bin so eine Art Trüffelschwein...
Ich bin so eine Art Trüffelschwein :)
walhalladada - 26. Nov, 02:03
stell dir vor, du stirbst,...
stell dir vor, du stirbst, schaust ein bischen ins...
creature - 26. Nov, 00:24
Wer weiß, vielleicht...
Wer weiß, vielleicht ja doch irgendwie. - Ah,...
punctum - 26. Nov, 00:14
ich hatte einmal einen...
ich hatte einmal einen spitznamen, "der künstler",...
creature - 26. Nov, 00:09

ab in den müll...


die bücher auf meinem nachttisch

für Ohr und Herz


Joshua Kadison
Premium Gold Collection


Don Mclean
American Pie

Archiv

August 2009
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
10
11
12
13
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
29
30
31
 
 
 
 
 
 
 

Blick aus dem Fenster

Aktuelles Wetter in Dresden:


Temperatur: 6 C
UV Index: 0
Luftfeuchte: 93 %
Sichtweite: 6.0 km
Luftdruck: 1010.8 mb
Windstärke: 10 km/h

Weather data provided by weather.com

etwas mehl für mich:

1punctum bei gmx pkt. net

rechtliches

ich versichere hiermit, dass ich nicht im geringsten die absicht habe, für texte anderer zu haften. ich distanziere mich also von hier gesetzten links und allem, was ich nicht selbst verfasst habe.

statistik seit 28.02.06

X-Stat.de