Am Rand der Party
Allmählich hatte ich genug von dieser Party, von den vielen Leuten, von denen ich nur etwa die Hälfte mehr oder weniger flüchtig kannte, von all dem Geschwätz, der Musik im Hintergrund, die mich in einen Nebel aus Rhythmen tauchte. Zum Glück war ich allein da – ich konnte also auch einfach gehen, wenn ich das wollte. Aber soweit war ich noch nicht, ein Moment der Ruhe, ganz für mich allein, würde auch genügen. Eigentlich wäre ich lieber nach draußen gegangen, war aber unsicher, wie der zarte Stoff des neuen Kleides auf den Regenguss reagieren würde, und so begab ich mich, mit meinem Weinglas in der Hand, lieber etwas ins Abseits des Raumes, in eine etwas dunklere Ecke. Ich stellte mich an eines der halb geöffneten Fenster und achtete darauf, möglichst gut von einer der Säulen verdeckt zu sein.
Mit Frank würde ich später noch sprechen, jetzt wollte ich sein freundliches, aber verfolgend lauthalses Geschwätz einfach nicht hören. Es war schon merkwürdig mit ihm – er war einer der intelligentesten Menschen, die ich kannte, außerdem sehr unterhaltsam, sehr einfallsreich, voller kluger Gedanken. Nur unter Alkoholeinwirkung, und er hatte an diesem Abend schon einiges getrunken, war er schwer erträglich. Seine Witze wurden dann schmierig, die Stimme schnappte über, das Gelächter, grundlos manchmal, tönte zu laut, zu aufdringlich. Kein Grund, ihm die Freundschaft zu kündigen, aber jetzt konnte ich ihn einfach nicht gebrauchen. Ich wollte nur allein sein.
Von etwas außerhalb gesehen, nahm die Party maskenhafte Züge an, zwischen Schauspiel und Unwirklichem. Ich liebe solche Momente des Betrachtens von außen, in denen man sich in einer Zwischenwelt wähnt, in denen man nicht wirklich einbezogen, aber auch nicht wirklich außerhalb ist. Man kann sich dann entscheiden, ganz zu gehen, ganz allein mit sich zu sein, oder sich wieder gefangen nehmen zu lassen vom Vielgewirr.
Ein paar Meter weiter hatte sich noch eine Frau zurückgezogen, Mitte Dreißig vielleicht, in einem schlichten hellgelben Kleid. Ich kannte sie eher flüchtig vom Sehen, von anderen solchen Partys. Eine Schulfreundin der Gastgeberin, glaube ich, ich konnte mich in dem Augenblick aber nicht einmal an ihren Namen erinnern. Sie schien diesen kurzen Moment der scheinbaren Stille wie ich zu brauchen. Sie war keine besonders attraktive Frau, unauffällig, nicht sehr groß, nicht schlank, nicht dick, eher in allem so in der Mitte, aber mit einem fein geschnittenen freundlichen Gesicht. Eigentlich hatte sie gar nichts Spektakuläres an sich. Ich wette, es passierte ihr eher selten, dass sich auf der Straße ein Mann einfach nur so nach ihr umdrehte. Viel wahrscheinlicher war, dass sie gar nicht erst wahrgenommen würde. Trotzdem – sie war nett. Von so einer gewissen sympathischen Grundnettigkeit, die zwar manchem sicher langweilig erscheinen mag, die aber auch Vertrauen hervorruft, vor allem in genau den Situationen, die eine verlässliche Person erfordern. Wenn ich mich denn hätte in diesem Moment unterhalten wollen, dann wahrscheinlich am ehesten noch mit ihr.
Ich überlegte tatsächlich kurz, ob ich nicht zu ihr gehen sollte, als von der anderen Seite des Raumes, ebenfalls aus dem „Außen“, ein Mann zu ihr trat. Ihn, der ebenfalls völlig unauffällig aussah und wirkte, etwas schüchtern und nichtssagend vielleicht sogar, kannte ich auch nicht näher. Ich hatte ihn nur mehrmals schon mit seiner Frau, einer wirklich aufregenden, und mir grässlich nervig erscheinenden, fülligen Brünetten gesehen. Sie war genau der Typ, der jede noch so große Runde sofort in einen klammernden Bann zieht, sämtliche Gespräche bestimmt, aber in einer auch so wenig tiefsinnigen und feinfühligen Art, dass man anschließend das Gefühl eines verlorenen Abends hat.
Zum Glück war er jetzt wenigstens allein, und auch er schien sich in diesem kleinen Moment des Entferntseins von Lärm und Menschen sehr wohl zu fühlen.
Er sprach die Frau in dem gelben Kleid an, und ich meinte, ihre reservierte, geradezu ablehnende Mimik deutlich erkennen zu können. Ich erwog bereits einen Rettungsversuch zu ihrer Befreiung, als ich sie lachen hörte. Sie sprachen miteinander. Es war schon erstaunlich: Diese beiden Menschen, die sich eigentlich gar nicht kannten, die beide eher zurückhaltend und still waren, unterhielten sich miteinander ganz offensichtlich wunderbar. Sie gestikulierten lebhaft, kicherten, schienen sich gegenseitig ins Wort zu fallen, um Sätze des anderen zu vollenden, berührten sich im Gespräch ganz natürlich an Händen und Armen. In ihrer gewählten Außenposition waren sie auf einmal zweisam, miteinander.
Und was ich noch sah, traf mich als elektrisierende Erkenntnis: So unspektakulär wie sie jeder für sich wirkten, so perfekt waren sie als Paar! Sie waren perfekt. So etwas von vollkommener Harmonie zweier Menschen, wie sie überhaupt nach außen dringen kann, hatte ich eigentlich niemals zuvor so deutlich gesehen. Als wären sie ein Ganzes. Ich war völlig fasziniert von diesem Bild einer Vollendung, das ich mir noch Minuten vorher nicht hätte vorstellen können.
Es dauerte gar nicht lang, vielleicht fünfzehn, zwanzig Minuten, dann tauchte die laute Brünette aus dem Gewimmel auf und zog ihren Mann mit sich.
Am liebsten hätte ich mich eingemischt, hätte sie gehindert am Stören solch seltener Harmonie, die mir als etwas ganz Besonderes, als etwas Wünschenswertes erschien, aber da hatte Frank mich nun doch entdeckt und lenkte durch sein Geschwätz meine Aufmerksamkeit ab.
Später dann, zu Hause, klang die Beobachtung noch lange in mir nach. Und ich hoffte sehr, dass nicht nur ich es gesehen hatte.
Mit Frank würde ich später noch sprechen, jetzt wollte ich sein freundliches, aber verfolgend lauthalses Geschwätz einfach nicht hören. Es war schon merkwürdig mit ihm – er war einer der intelligentesten Menschen, die ich kannte, außerdem sehr unterhaltsam, sehr einfallsreich, voller kluger Gedanken. Nur unter Alkoholeinwirkung, und er hatte an diesem Abend schon einiges getrunken, war er schwer erträglich. Seine Witze wurden dann schmierig, die Stimme schnappte über, das Gelächter, grundlos manchmal, tönte zu laut, zu aufdringlich. Kein Grund, ihm die Freundschaft zu kündigen, aber jetzt konnte ich ihn einfach nicht gebrauchen. Ich wollte nur allein sein.
Von etwas außerhalb gesehen, nahm die Party maskenhafte Züge an, zwischen Schauspiel und Unwirklichem. Ich liebe solche Momente des Betrachtens von außen, in denen man sich in einer Zwischenwelt wähnt, in denen man nicht wirklich einbezogen, aber auch nicht wirklich außerhalb ist. Man kann sich dann entscheiden, ganz zu gehen, ganz allein mit sich zu sein, oder sich wieder gefangen nehmen zu lassen vom Vielgewirr.
Ein paar Meter weiter hatte sich noch eine Frau zurückgezogen, Mitte Dreißig vielleicht, in einem schlichten hellgelben Kleid. Ich kannte sie eher flüchtig vom Sehen, von anderen solchen Partys. Eine Schulfreundin der Gastgeberin, glaube ich, ich konnte mich in dem Augenblick aber nicht einmal an ihren Namen erinnern. Sie schien diesen kurzen Moment der scheinbaren Stille wie ich zu brauchen. Sie war keine besonders attraktive Frau, unauffällig, nicht sehr groß, nicht schlank, nicht dick, eher in allem so in der Mitte, aber mit einem fein geschnittenen freundlichen Gesicht. Eigentlich hatte sie gar nichts Spektakuläres an sich. Ich wette, es passierte ihr eher selten, dass sich auf der Straße ein Mann einfach nur so nach ihr umdrehte. Viel wahrscheinlicher war, dass sie gar nicht erst wahrgenommen würde. Trotzdem – sie war nett. Von so einer gewissen sympathischen Grundnettigkeit, die zwar manchem sicher langweilig erscheinen mag, die aber auch Vertrauen hervorruft, vor allem in genau den Situationen, die eine verlässliche Person erfordern. Wenn ich mich denn hätte in diesem Moment unterhalten wollen, dann wahrscheinlich am ehesten noch mit ihr.
Ich überlegte tatsächlich kurz, ob ich nicht zu ihr gehen sollte, als von der anderen Seite des Raumes, ebenfalls aus dem „Außen“, ein Mann zu ihr trat. Ihn, der ebenfalls völlig unauffällig aussah und wirkte, etwas schüchtern und nichtssagend vielleicht sogar, kannte ich auch nicht näher. Ich hatte ihn nur mehrmals schon mit seiner Frau, einer wirklich aufregenden, und mir grässlich nervig erscheinenden, fülligen Brünetten gesehen. Sie war genau der Typ, der jede noch so große Runde sofort in einen klammernden Bann zieht, sämtliche Gespräche bestimmt, aber in einer auch so wenig tiefsinnigen und feinfühligen Art, dass man anschließend das Gefühl eines verlorenen Abends hat.
Zum Glück war er jetzt wenigstens allein, und auch er schien sich in diesem kleinen Moment des Entferntseins von Lärm und Menschen sehr wohl zu fühlen.
Er sprach die Frau in dem gelben Kleid an, und ich meinte, ihre reservierte, geradezu ablehnende Mimik deutlich erkennen zu können. Ich erwog bereits einen Rettungsversuch zu ihrer Befreiung, als ich sie lachen hörte. Sie sprachen miteinander. Es war schon erstaunlich: Diese beiden Menschen, die sich eigentlich gar nicht kannten, die beide eher zurückhaltend und still waren, unterhielten sich miteinander ganz offensichtlich wunderbar. Sie gestikulierten lebhaft, kicherten, schienen sich gegenseitig ins Wort zu fallen, um Sätze des anderen zu vollenden, berührten sich im Gespräch ganz natürlich an Händen und Armen. In ihrer gewählten Außenposition waren sie auf einmal zweisam, miteinander.
Und was ich noch sah, traf mich als elektrisierende Erkenntnis: So unspektakulär wie sie jeder für sich wirkten, so perfekt waren sie als Paar! Sie waren perfekt. So etwas von vollkommener Harmonie zweier Menschen, wie sie überhaupt nach außen dringen kann, hatte ich eigentlich niemals zuvor so deutlich gesehen. Als wären sie ein Ganzes. Ich war völlig fasziniert von diesem Bild einer Vollendung, das ich mir noch Minuten vorher nicht hätte vorstellen können.
Es dauerte gar nicht lang, vielleicht fünfzehn, zwanzig Minuten, dann tauchte die laute Brünette aus dem Gewimmel auf und zog ihren Mann mit sich.
Am liebsten hätte ich mich eingemischt, hätte sie gehindert am Stören solch seltener Harmonie, die mir als etwas ganz Besonderes, als etwas Wünschenswertes erschien, aber da hatte Frank mich nun doch entdeckt und lenkte durch sein Geschwätz meine Aufmerksamkeit ab.
Später dann, zu Hause, klang die Beobachtung noch lange in mir nach. Und ich hoffte sehr, dass nicht nur ich es gesehen hatte.
punctum - 15. Jul, 01:21
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