14
Apr
2009

Schatzkästchen

Die Ketten und Ohrringe, die ich - wechselnd je nach Befindlichkeit - öfter trage, liegen meist griffbereit. Aber ich habe ein Schatzkästchen, in dem der eher selten getragene Schmuck in weiteren kleinen Kästchen und Schächtelchen ruht. Ab und an, nicht allzu häufig, in bestimmten stillen Momenten, öffne ich das Schatzkästchen und krame dann darin, erinnere mich an schöne Dinge, auch an traurige. Ein kleiner, unscheinbarer Silberring mit einem roten Glasstein, etwas stumpf geworden, nicht mehr glitzernd - eigentlich ganz ohne Wert, für mich aber die Erinnerung an erste Kinderliebe, immer noch süß in Gedanken. Oder die Ringe, die ich für jedes Kind geschenkt bekam - ein zarter Saphir, ein kleiner Diamant - meine Herzensfreude. Ein schmaler Goldreif mit einer perfekt geformten Perle - eine Träne für mein verlorenes Kind. Eine sehr zarte Schachtel in Herzform, bezogen mit altrosa Samt - leer. Ein Goldreif mit kleinen Granatsteinen lag einmal darin; weggeworfen. Er fehlt. Und dann halte ich einen schlichten, schmalen goldenen Ring in der Hand, er schlackert um meinen Daumen und ist für mich viel zu groß. Der Trauring von Großmama Sally, meiner Schwiegergroßmutter, die ich quasi mitgeheiratet hatte. Ich war schrecklich jung, und ich hätte mich in der mir so fremden Schwiegerfamilie sehr verloren gefühlt, wenn sie nicht gewesen wäre, diese wunderbare Hochzeitsbeigabe. Großmama Sally, groß und stark, ließ mich in ihren Armen und an ihrem Busen verschwinden, brubbelte mit ihrem Großmutterbass: "Kindchen, komm mal zu mir!" - und schon fühlte ich mich sicher aufgehoben und willkommen. Wenn sie wüsste, wie ich sie vermisse. Und wie ich sie bewundere für ihre unglaubliche Stärke. Ganz sicher war sie auch manchmal schwach, verletzt, hat geweint, aber ebenso sicher hat sie es niemanden sehen lassen. Großmama Sally hatte eine Ausbildung für "höhere Töchter", die ihr vielleicht weniger genutzt hätte, wäre sie nicht ohnehin ganz besonders intelligent gewesen. So hatte sie zwar nicht studiert, wie es ihr wohl entsprochen hätte, konnte aber eine Menge nützliche Dinge und sprach fließend Englisch, Französisch, Schwedisch und - sie hatte ins Baltikum geheiratet - auch Russisch und Lettisch (Sehr vorteilhaft auch für mich - sie half mir bei meinem Studium mit diversen Übersetzungen. Ich erinnere mich gern an die dummen Gesichter von Kommilitonen, wenn ich erklärte: Da hilft mir die Großmama!). Mit dem Krieg musste sie dann per Schiff nach Deutschland zurück, zwei kleine Kinder an der Hand. Und sie hatte Glück; keine Minen, eine beschwerliche, aber überlebte Überfahrt. Ihren Mann hatte sie aus ihrem Leben verbannt, mit einem gewaltigen Tritt, den ich mir lebhaft vorstellen kann, und der nach häufigen Lügen und diversen Affären ganz sicher wohlverdient war. Dergleichen mag jetzt selbstverständlich sein, damals war es das ganz sicher nicht. Sie hatte ja nicht einmal einen "richtigen" Beruf und musste zusehen, wie sie ihre Kinder durch schlimme Zeiten brachte. Sie hangelte sich in fremder, neuer Umgebung durch diverse Jobs, und sie schaffte es, natürlich schaffte sie es. Beide Kinder studierten Medizin und wurden zu ganz besonderen Menschen. Nicht zuletzt ein Verdienst dieser bemerkenswerten Frau. Sie lebte immer in der Nähe ihrer Kinder, aber vollkommen unaufdringlich, sie kam mit sich sehr gut allein zurecht. Und als das im Alltag nicht mehr so einfach war, bestand sie darauf, ein Zimmer in einem Altenheim zu beziehen. Mit nur wenigen eigenen Möbeln - den Rest gab sie weg, ohne sichtbaren Kummer. Und so bedeutsam waren ihr solche Besitzdinge tatsächlich nicht, es gab Wichtigeres. Sie schenkte mir ihren Trauring. Er mag ihr in den letzten Jahren nicht gar so viel bedeutet haben, aber mir bedeutet er sehr viel. Er erinnert mich an sie, an ihre Stimme, ihre Umarmungen, ihre klugen Gedanken. Ich bedauere so, dass sie ihre Urenkel nicht kennenlernte, aber ich habe ihr in Gedanken von ihnen erzählt. Dieser goldene Ring - etwas ganz Besonderes in meinem Schatzkästchen. Ich streiche vorsichtig und zärtlich darüber und lege ihn zurück. Bis zum nächsten Schatzkästchenkramen.
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