Schwindendes Licht
Die Arme der alten Linde bewegten sich im bläulich fahlen Licht der Straßenbeleuchtung vor dem Fenster. Ein paar verbliebene Schneefetzen am Rande des Gehweges versuchten vergeblich, die letzte Ahnung eines reflektierenden Winterglitzerns vorzutäuschen. Es war eine angeschmutzte Lichtmischung, die dem Raum die vollkommene Dunkelheit verweigerte und die der Frau am Tisch normalerweise vielleicht Angst vor Gespensterträumen oder, noch schlimmer, vor leerer Schlaflosigkeit eingeflößt hätte. Aber in dieser Nacht musste sie keine Angst haben, sie war nicht allein. Sie lächelte ins Dunkel, dankbar, seine immer noch schützend wirkende Gestalt in ihren Umrissen so nah bei sich sehen zu können. Es war so lange her... "Es ist so gut, dass du da bist", flüsterte sie. "Du hast mich gerufen!" Er hatte immer noch diese tiefe und doch so angenehm sanfte Stimme. "Verzeih, ich hab es einfach nicht mehr ausgehalten." "Geht es dir denn nicht gut?", fragte er besorgt. "Doch, es geht mir gut. Es ist alles in Ordnung. Die Kinder, die Enkelkinder, sie machen mir viel Freude. Meine Freunde sind auch für mich da. Dennoch... ich vermisse dich so sehr. So, dass es weh tut." Sie konnte sein schmerzliches Lächeln spüren, sah seine Hand auf der ihren, die vertraute Form, gestaltet durch eine Ansammlung zart leuchtender Staubpartikel. Sie umfasste seine Hand, legte ihre Stirn darauf und schloss die Augen. "Wie lange noch?", murmelte sie, "Wie lange muss ich noch aushalten?" "Nicht mehr lange, meine Liebe. Nicht mehr lange. Ein bisschen noch. Wir sehen uns bald wieder." Und so am Tisch sitzend schlief sie ein. Am nächsten Morgen erwachte sie in einen wieder graulichtenen Tag, aber sie fühlte sich froh. Unter ihrem Kopf lag ein Kissen, eine Decke wärmte ihre Schultern. Und sie wusste, sie würde bald gehen können. Zu ihm. Er war schon zu lange nicht mehr bei ihr.
punctum - 23. Feb, 23:23
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